Immer öfter hört man von Problemhunden und Hundeproblemen. Doch wie ist es darum wirklich bestellt? Wer bestimmt denn, was ein Problemhund ist und wann ist etwas ein Hundeproblem?

 

Hühnerdieb

So einem Hühnerdieb kann man nicht böse sein!

Mein Nachbar hat Hühner und noch allerhand weiteres Federvieh. Und dieses liegt ihm verständlicherweise sehr am Herzen. Von meinen Hunden war er ganz begeistert. Und das aus 2 Gründen: a) meine Hündin war total verschmust und hat ihn um den Finger gewickelt und b) keiner meiner Hunde würdigt die Hendln auch nur eines Blickes. Dass meine Hündin mit Artgenossen äußerst unfein sein konnte, empfand er gar nicht problematisch (es betrifft ihn ja auch nicht) – ich dagegen umso mehr (vermutlich könnte ich mich – unter uns gesagt – leichter damit arrangieren, dass mein Hund auf Hendln „anspringt“).

Der Hund, der 3 von Nachbars Hühnern auf dem Gewissen hat, ist dagegen mit anderen Hunden überaus freundlich! Was ihn nicht vor dem Etikett „Problemhund“ bewahrt, das ihm der besorgte Hühnervater verpasst hat.

 

Wenig problematisch für mich ist, dass einer meiner Hunde nicht von Fremden angefasst werden mochte – muss ja nicht sein, finde ich. Meine Mutter dagegen beurteilt das als äußerst problematisch: ein Hund, den man nicht anfassen kann, das geht gar nicht! In ihren Augen ist das ein echter Problemhund!

Alles eine Frage der Perspektive

Probleme stellen Hindernisse dar, die überwunden oder umgangen werden müssen, um von einer unbefriedigenden Ausgangssituation in eine befriedigendere Zielsituation zu gelangen.(Quelle: Wikipedia)

Der Hund in ländlicher Umgebung, der laut und ausdauernd bellt, wenn jemand die Einfahrt entlang kommt, ist vermutlich kein großes Problem für seine HalterInnen. Im Gegenteil, sie fühlen sich dadurch in ihrem Zuhause sicher. Aus demselben Verhalten in einem Wohnblock würden sich dagegen ziemlich schnell Probleme ergeben.

 

Neros Leinenführigkeit lässt zu wünschen übrig. Er zieht und zerrt mit 50 Kilo Lebensgewicht in alle Himmelsrichtungen und sein Frauchen ist nach dem 3. Sturz schon völlig verzweifelt. Simba tut exakt dasselbe und bellt noch obendrein wie ein Beklopfter, doch seine Menschen kommen gar nicht auf die Idee, ihn als Problemhund oder sein Verhalten als problematisch zu bezeichnen. Simba hat ja auch nur knappe 4 Kilo!

 

Einer meiner Kunden hat einen Hund, der, wenn er aufgeregt ist, Menschen in seiner Umgebung am Ärmel zupft – nicht grob, eher übermütig. Seine Frau wird dabei fast hysterisch – der Hund ist ziemlich groß -, er selbst findet das originell. Und die Menschen, die es trifft, also die, die Henry an der Jacke nimmt, empfinden das teils amüsant und teils bedrohlich – je nachdem.

 

Oder der Begrüßungssprung mit Anlauf! Viele Hunde springen Menschen zur Begrüßung an. Ob man auf diese Art von Willkommen erfreut reagiert oder sie als problematisch empfindet, das ist individuell sehr unterschiedlich und hängt vielleicht auch von der Größe des Übeltäters und der eigenen Standfestigkeit ab.

 

Stempel „Problemhund“

Allzu schnell wird Hunden der Stempel „Problemhund“ verpasst – auch aus nichtigen Gründen. Problemverhalten ist keine fest definierte Größe, sondern immer von unterschiedlichen Parametern wie Lebensumgebung, Körpergröße, etc. abhängig. Und von unseren Ansprüchen und Erwartungen. Das sollten wir uns immer klar machen, wenn es um sogenanntes Problemverhalten geht. Was für den einen ein Problem darstellt, ist für den anderen ganz normal!

 

Und dann gibt es auch noch ganz spezielles Problemverhalten: Nämlich das, das einer völligen Unkenntnis hundlichen Verhaltens entspringt: „…Ich habe ein Problem mit meinem Hund,  …..er (Rüde) hebt auf jedem Spaziergang mindestens 20 mal das Bein. Er (Beagle) hat die Nase nur am Boden! Er (Golden Retriever) springt in jede Pfütze! Er (Owtscharka) stellt sich immer so eigenartig vor Besucher hin!“ Das Problem hier ist hier wohl weniger das Verhalten des Hundes …..!

Aber das ist eine andere Geschichte!

 

Probleme sind Lösungen in Arbeitskleidung (Fundstück)

Es lohnt sich wirklich, das vermeintlich problematische Verhalten Ihres Hundes durch eine andere Brille zu betrachten: Ist das Mäntelchen „Problemverhalten“ erst einmal abgelegt, verändern sich unsere Emotionen und wir schauen ein Stück weit objektiver auf das, was uns da so nervt, verunsichert oder herausfordert. Oft genug fühlen wir uns mit unserem „Problemhund“ an der Leine als TotalversagerIn – eine ganz schlechte Voraussetzung für gutes Training! Schaffen wir es stattdessen, das Gedankenkarussell „mein Hund ist ein Problemhund“ anzuhalten und durch „mein Hund reagiert auf diesen Auslöser mit jenem Verhalten“ zu ersetzen, wird es gleich viel einfacher, Trainingsstrategien bzw. Lösungsansätze zu finden. Manchmal schaffen wir das nicht alleine und brauchen ein bisschen Anschubhilfe (Ja, das geht auch TrainerInnen so! Auch die Profis holen sich Rat von KollegInnen.). Es gibt inzwischen viele kompetente TrainerInnen, die nicht nur sehr gut über Hunde Bescheid wissen, sondern auch die menschliche Not verstehen, die durch das (Problem-)Verhalten ihrer Hunde ausgelöst wird.

 

Hörtipp: City Dogs, Hundehaltung in der Stadt

 

Ja und nein

Zum Abschluss noch 2 Antworten zu Problemverhalten:

„Nein“: Nicht jedes Verhaltensproblem lässt sich durch Training lösen!

„Ja“: Gutes Training bringt auf alle Fälle eine deutliche Erleichterung im Alltag und damit eine wesentliche Steigerung der Lebensqualität von Mensch und Hund.

 

Also: packen Sie’s an!

 

Herzlich

Eure und Ihre

Karin Immler

(Das Titelbild dieses Beitrags mit Hund und Hendln stammt übrigens von meiner lieben Kollegin Heidrun Pusch von respktiert.at, die sowohl mit Hunden als auch mit Hühnern trainiert. Dieser Text wurde ursprünglich für ein Hundemagazin geschrieben und ist dort 2016 erschienen)

 

Keinen Blogartikel mehr verpassen!