„Mein Hund hat mich angeknurrt. Jetzt muss ich ihm zeigen, wer der Herr ist. Sonst hat er keinen Respekt mehr vor mir!“

Wie grundverkehrt ist diese Einschätzung!

Knurren ist in der Regel ein Zeichen von Unsicherheit, Sorge oder Angst.

Nun sind Hunde keinesfalls Geheimniskrämer. Im Gegenteil, sie sind sehr geschickt darin, ihre Befindlichkeiten auszudrücken. Sie verfügen über ein außerordentlich großes und fein akzentuiertes Repertoire an Kommunikationssignalen, mit deren Hilfe sie dem Gegenüber (uns) mitteilen, wie sie sich gerade fühlen.

Zumindest seit Turid Rugaas und ihrem Buch „Calming Signals“ sind eine ganze Reihe hundlicher Signale bekannt, die unter anderem dazu dienen, Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen oder schnellst möglich und gewaltfrei zu lösen. Konfliktlösende Signale werden von Hunden aller Altersgruppen eingesetzt – von Welpenbeinen an bis ins hohe Alter. Jeder Hund, überall auf der Welt, sendet diese Signale aus und kann sie seinerseits auch lesen.

„Der Umgang mit Menschen wäre sehr viel leichter, wenn auch leere Köpfe gelegentlich knurren würden“ Robert Lembke

Auch wir Menschen können diese Signale erkennen und interpretieren, wenn auch nicht so detailliert wie Hunde, aber immerhin! Wenn Sie sich bewusst damit auseinandersetzen, werden Sie schnell eine Art Grundwortschatz erlernen. Und es ist ein schönes Zeichen unserer Zeit, dass immer mehr Menschen daran interessiert sind, zu verstehen, wie es ihren Hunden geht.

Dennoch gibt es nach wie vor eine Menge Unsicherheiten bzw. Interpretationsschwierigkeiten. „Knurren“ ist bestimmt unter den TOP 10 der Missverständnisse zwischen Hunden und ihren Menschen. Mangelnder Respekt wird dem knurrenden Hund unterstellt, Frechheit oder gar Undankbarkeit. Doch ist es wirklich der selbstsichere, souveräne Hund, der zum Knurren neigt?

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Bereits 1992 schrieb Anders Hallgren in seinem „Lehrbuch der Hundesprache“ über das Knurren: „Wir Menschen glauben, dass das Knurren ein Ausdruck für Aggressivität ist. Das trifft jedoch fast nie zu. Es gibt verschiedene Arten von Knurren, genauso wie es verschiedene Arten von Bellen gibt. Knurren ist entweder eine Drohung oder eine Warnung. Aber normalerweise ist diese Ausdrucksform ein Zeichen der Unsicherheit und nicht der Selbstsicherheit. Es zeigt eher mangelndes Vertrauen als mangelnden Respekt.“

Mit Drohung und Einschüchterung mag es gelingen, dem knurrenden Hund, die Futterschüssel wegzunehmen. Doch lautet die Botschaft hier tatsächlich „Du kannst mir vertrauen!“ oder vielmehr: „Du hast völlig recht, mir ist tatsächlich nicht zu trauen!“?

Anstatt dem Hund zu beweisen, dass sein Misstrauen absolut begründet ist und er tatsächlich jede Veranlassung hat, auf seine Mahlzeit aufzupassen, könnte Ihr Training darauf abzielen, ihn vom Gegenteil zu überzeugen und sich als vertrauenswürdiger Partner zu erweisen.

Kommunikation = Mitteilen

Der Ursprung des Wortes „Kommunikation“ ist das lateinische „communicare“. Es bedeutet „teilen, mitteilen, teilnehmen lassen; gemeinsam machen, vereinigen“ und so dürfen wir es auch getrost verstehen. Kommunikation ist z. B. dafür gedacht, dem Gegenüber mitzuteilen, wie es einem gerade geht, es teilhaben zu lassen an der eigenen Befindlichkeit. Und, wenn diese Befindlichkeit gerade nicht so gut ist, zu verhüten, dass etwas Schlimmes passiert. Wohl jeder von uns hat schon einmal – mit diesen oder ähnlichen Worten – zu jemandem gesagt: „Bleib mir vom Leib!“. Und wir erwarten, dass unser Gegenüber diese Ansage respektiert. Wird nun dieser Aufforderung entsprochen, ist alles gut – und nichts passiert. Setzt sich aber der Andere über diese Warnung hinweg, kann das eine ganze Reihe von Konsequenzen nach sich ziehen. Wie diese aussehen, hängt von der jeweiligen Situation und vom Naturell der Handelnden ab.

Unsere Hunde haben – genau wie wir – einen ganzen Rucksack an Erlebtem dabei. Aufgrund ihrer Genetik, ihres Gesundheitszustands, der Art ihres Aufwachsens, der Vorbilder und Erlebnisse, die sie hatten, gehen sie mit unterschiedlichen Gefühlen durchs Leben. Schmerzen, Angst um die eigene Unversehrtheit und das Bestreben, Dinge zu behalten, die einem wichtig sind – nicht nur wir Menschen kennen diese Gefühle, sondern auch unsere Hunde.

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Aggressives Verhalten entwickelt sich Schritt für Schritt

Wie an der Grafik (Animal Learn) erkennbar ist, entwickelt sich aggressives Verhalten Schritt für Schritt – immer aufgrund der zugrunde liegenden Emotion. Es beginnt damit, dass sich der Hund unbehaglich fühlt. Erkennen Sie dieses Gefühl als das, was es ist und beenden die unbehagliche Situation, z. B. indem Sie die Handlung einstellen oder dem Hund ermöglichen, sich zu entfernen, dann ist die Sache erledigt. Erkennen Sie die Signale nicht, hat der Hund weitere Zeichen auf Lager, um Ihnen klar zu machen, dass Probleme im Entstehen sind.

Die Signale werden in 4 Etappen gezeigt, wobei jederzeit eine Umkehr – in normales = neutrales Verhalten – möglich ist.

  • Konfliktanzeigendes Verhalten
  • Distanzvergrößerndes Verhalten
  • Drohverhalten
  • Aggressionsverhalten

Besonders fatal ist es, wenn Ihr Hund lernt, einzelne Stufen auf dieser Leiter auszulassen, z. B., weil es ihm abtrainiert wurde, diese zu nützen. Wobei es noch nicht einmal besonders schwer ist, einem Hund das Knurren zu verbieten. Doch ist es sinnvoll?! Lernt der Hund dadurch ein angemessenes Alternativverhalten?

„Knurren ist Kommunikation. Punkt. Es ist sinnvoll, die AGBs seines Hundes zu kennen – im Kleingedruckten zu lesen und dieses auch zu verstehen. Das beugt dem lauten Sprechen und dem Schmerzhaften vor.“ Eva Zaugg

In Wahrheit gewöhnen Sie Ihrem Hund ab, Sie auf sein Unbehagen hinzuweisen und vor unangenehmen Konsequenzen zu warnen. Das hinter dem Knurren liegende Gefühl (vielleicht: „Du bist zu nah!“ „Das tut mir weh!“oder  „Das macht mir Angst!“), das bleibt. Und in Zukunft wird Ihr Hund diese Stufe – das Knurren – einfach überspringen. Denn er lernt, dass es keinen Sinn hat, Sie über seine Gefühle zu informieren, weil Sie ohnehin mit dieser Information nichts anfangen können. Er wird also nicht mehr lange verwarnen, sondern möglicherweise gleich zubeißen! Im Grunde beschleunigen Sie durch die Wegnahme des Knurrens das Auftreten unerwünschten Verhaltens wie z. B. Abschnappen oder gar Beißen.

Jedem Verhalten liegt eine Emotion zugrunde.

Denken Sie an den Eisberg, bei dem Sie nur das Bisschen über der Wasseroberfläche sehen. Was darunter liegt, ist viel mehr, viel größer und viel wichtiger. Auskunft darüber geben Körperausdruck, Mimik und Verhalten. Als verantwortungsbewusster Hundehalter sollten Sie erkennen, wie es Ihrem Hund geht. Ist er neutral, entspannt oder glücklich? Oder ist er unsicher, verängstigt oder hat Schmerzen? Je nach Lern- und Lebenserfahrung, nach charakterlichen Voraussetzungen und nach Intensität der Einwirkung wird der Hund nicht unbedingt alle Signale der Eskalationsleiter Stufe um Stufe zeigen. Es ist sehr gut möglich, dass ein Hund aus der grünen direkt in die orange / rote Zone wechselt! Vor allem dann, wenn er wiederholt die Erfahrung gemacht hat, dass sein Signale „überhört“  oder gar bestraft werden.

Und jetzt ganz ehrlich: wie viele Möglichkeiten hat denn ein Hund, uns darauf hinzuweisen, dass ihm – jetzt gleich – etwas zu viel wird? Lernen Sie Ihren Hund zu lesen, geben Sie ihm Sicherheit und Vertrauen und die Zeit, die er braucht, um zu erlernen, was Sie von ihm möchten. Wenn Sie die Signale Ihres Hundes wahrnehmen, erkennen, richtig deuten und dementsprechend agieren, dann hat Ihr Hund keine Veranlassung, um zu drastischen Maßnahmen zu greifen!

Neigt also Ihr Hund dazu, in gewissen Situationen zu knurren, sollten Sie zunächst tierärztlich abklären lassen, dass Krankheit und Schmerzen nicht als Auslöser in Frage kommen.

Was war der Grund?

„Respektieren Sie den Versuch Ihres Hundes, sich mitzuteilen“ Karin Immler

Dann ist ein kritischer Blick auf das eigene Verhalten – im Allgemeinen und in der speziellen Situation – angebracht: Tragen Sie womöglich unbeabsichtigt dazu bei, dass Ihr Hund sich unwohl fühlt? Übersehen Sie die subtilen Warnungen oder eine Bitte um Hilfe, die Ihr Hund vor dem Knurren äußert? Ist es Ihr Stress, Ihr Unwohlsein, das Ihr Hund übernimmt? Sind es die Lebens- und Haltungsbedingungen, die den Hund überfordern? Ebenso lohnt sich eine kritische Bestandsaufnahme, wie es generell um die Selbstsicherheit Ihres Hundes bestellt ist und um seine Art, mit Herausforderungen umzugehen. Hier setzt gutes Training an und mit Hilfe eines erfahrenen Trainers/einer Trainerin werden Sie rasch Verbesserungen im Verhalten und in der Lebensqualität Ihres Hundes erreichen.

Erlauben Sie mir zum Abschluss eine persönliche Frage: „Knurren“ Sie nicht auch gelegentlich?

Herzlich

Ihre

Karin Immler

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Dieser Text wurde ursprünglich für ein Hundemagazin verfasst und ist dort 2015 erschienen.