Manchmal bin ich es so leid!

Oft denke ich mir, ich mag einfach nicht mehr. Ich weiß nicht, wie oft ich in diversen Runden oder in virtuellen Hundegruppen erklärt habe, dass ein Welpe, der drinnen ein Lackerl macht, keinesfalls die  Autorität von Frauchen oder Herrchen in Frage stellt, sondern – altersgemäß – seine Blase noch nicht kontrollieren kann – und seine Menschen eben nicht genug aufgepasst haben. Unzählige Male habe ich zu vermitteln versucht, dass der pubertierende Jungrüde, der springt und tobt, kein Dominanzthema hat, sondern unter Reizüberflutung und mangelnder Verarbeitungszeit leidet. Wie oft noch will man mir weißmachen, dass der Wasserstrahl ja gar nicht schlimm ist und dass der Leinenruck ganz bestimmt nicht wehtut.

Beziehung in der Einbahnstrasse

Was mich daran besonders traurig macht, ist, dass so viele „mittelalterliche“ Vorstellungen von Hundeerziehung gerade fröhliche Urständ‘ feiern. Markige Sprüche – durchaus nicht nur aus Männermund – über Dominanz, Rudelführer und körperliches Korrigieren sind nicht weniger geworden, sondern mehr. Zumindest ist das mein Eindruck.

 

Wie viele Studien braucht es noch, die die Wirksamkeit und Sinnhaftigkeit sogenannter sanfter Methoden untermauern? Es gibt rundherum wunderbare KollegInnen, Vortragende und AutorInnen, die ihr Wissen, ihre Erfahrung mit dem breiten Publikum teilen. Doch offenbar erreichen wir immer nur einen Bruchteil der HundehalterInnen und das moderne Wissen bleibt einem verhältnismäßig kleinen Kreis zugänglich.

„Die wahre Liebe ist ein Gewebe von Bindungen, das einen werden lässt“ Antoine de Saint-Exupery

Manchmal mache ich eine virtuelle Tour durch diverse Hundegruppen und sehe mich ein bisschen außerhalb meiner Blase um. Ich bin in der Regel entsetzt, was da abgeht. Die am häufigsten genutzten Wörter sind

  • abstellen,
  • unterbinden,
  • Grenzen setzen und
  • dominant.

Unser bester Freund?

Und die Ratschläge, die den Hilfesuchenden gegeben werden, sind nicht selten tierschutzrelevant oder zumindest grenzwertig. Auch bei den vergleichsweisen harmlosen Empfehlungen vermisse ich völlig die Bereitschaft, sich auf das Gegenüber, den Hund, unseren vielzitierten besten Freund, einzulassen, sich Gedanken über sein Wohlbefinden und seine Bedürfnisse zu machen.

→ Geht man so mit Freunden um?

→ Maßregelt man Freunde bei der kleinsten Verfehlung?

→ Ignoriert man Freunde, wenn sie Kummer haben?

→ Lässt man sie im Stich, wenn sie Hilfe brauchen?

→ Bestraft man Freunde, wenn sie etwas (noch) nicht können?

Hunde haben Bedürfnisse – genau wie wir

Über Futtersorten und Fütterungsphilosophien werden wahre Religionskriege geführt. Dass die Bedürfnisse eines Hundes über die Nahrung deutlich hinausgehen, wird nicht im Mindesten thematisiert. Hunde sind soziale Wesen, sie brauchen Nähe und Zuwendung, sie brauchen Verständnis und Respekt und sie brauchen Zeit, Raum und Hilfestellung, sich entwickeln und entfalten zu können.

„Ein Hund hat nicht zu beißen!“ las ich neulich in den Kommentaren eines Fb-Postings. Die Post-Erstellerin hatte geschildert, dass es mit dem vierbeinigen Neuzugang einen unschönen Beißvorfall am Futter gegeben hatte. Ja, schon klar, im Zusammenleben mit uns ist es unerwünscht und gefährlich, wenn ein Hund beisst. Und natürlich ist das alles andere als wünschenswert. Aber zunächst einmal hat Mutter Natur dem Hund Zähne mitgegeben, damit er sie nutzt, wenn er sie braucht. Wir haben Hände bekommen und nutzen diese, um uns z.B. Abstand zu sichern oder etwas zu behalten. Der Hund nutzt seine Zähne.

„Tiefe Bindungen bringen Verpflichtungen mit sich“ Sue Bender

 

Die Ratschläge, die dort gegeben wurden, lassen mir teils wirklich die Haare zu Berge stehen. Kein Wort darüber, warum dieser Hund (aus dem Tierschutz) meint, er müsste Angst um sein Futter haben. Kein Wort darüber, dass zunächst einmal Management angesagt sei, damit nichts Schlimmes passiert. Kein Wort darüber, dass dieser Hund keine Maßregelung braucht, sondern Unterstützung, um Sicherheit und neue (für uns angemessene) Verhaltensweisen zu erwerben. Dem armen Hund steht nichts Gutes bevor. Vermutlich wird man ihm in der nächsten Zeit jede Mahlzeit mehrmals wegnehmen, damit er lernt, dass er sich das gefallen muss. Wird er dadurch lernen, seinem Menschen zu vertrauen? Das wage ich zu bezweifeln.

 

Wir möchten, dass unsere Hunde in jeder Lebenslage auf uns hören und sich an uns orientieren. Viele HundehalterInnen wünschen sich das nicht nur, sie setzen es quasi voraus. Auch und gerade dann, wenn der Hund eine sehr spannende Alternative hat, wird erwartet, dass er postwendend das tut, was wir wollen. Wie vermessen ist es, einen solchen Anspruch zu erheben und sich im Gegenzug nicht einen Deut darum zu kümmern, warum der Hund gerade tut, was er tut. Bindung und Beziehung in der Einbahnstraße?

 

Warum muss der Hund (aus seiner Sicht) sich so verhalten, wie er es tut? Welche Emotionen, welche Erfahrungen, welche Bedürfnisse sind dafür verantwortlich? Um zum obenstehenden Beispiel zurückzukommen, ist die folgende Frage naheliegend: Warum geht dieser Hund davon aus, dass der Mensch in der Nähe seines Futternapfs eine Bedrohung darstellt, gegen die er sich zur Wehr setzen muss?

 

Hunde müssen funktionieren!

Dabei denke ich immer an ein Kinderspielzeug, dass es in meiner Kinderzeit gab. Ein batteriebetriebenes Stoffhündchen, das auf Knopfdruck bellen und den Kopf bewegen konnte. Was für ein trauriges Bild!

 

Ein Hund bereichert unser Leben

Wir nehmen uns einen Hund in unser Leben, damit dieses ein Stück schöner, besser, reicher wird. Sollten wir uns da nicht auch bemühen, das Leben des Hundes ein Stück schöner, besser, reicher zu machen? Wäre das nicht konsequent?

 

Veränderungen im Verhalten unserer Hunde herbeizuführen oder besser ausgedrückt anzuleiten, braucht als Ausgangspunkt aufrichtiges, offenes Hinschauen und die Bereitschaft auf das Gegenüber – unseren Hund – zuzugehen. Anstatt im Internet nach „Übungen für die Bindung“ zu suchen, wäre es wichtig, diese Bindung im Alltag mit unseren Hunden zu leben und uns als vertrauenswürdige und verlässliche Bezugspersonen zu erweisen.

Bindung leben, statt Bindung üben

„Das Geheimnis der Erziehungskunst ist der Respekt vor dem Schüler“ Ralph Waldo Emerson

Was nützen Bindungsübungen, wenn wir unsere Hunde im Alltag im Stich lassen, ihre Bedürfnisse nicht erkennen oder womöglich bewusst ignorieren? Im Zusammenleben den Hund mit Anforderungen zu konfrontieren, denen er nicht gewachsen ist, ihn wiederholt vorsätzlich in Situationen zu bringen, die er schrecklich findet, kann nicht beziehungsfördernd sein. Rücksichtslos, grob und ungerecht zu sein, kennzeichnet keinesfalls einen guten Führungsstil.

Fürsorglich, vorsorgend, fair und großzügig – so wünsche ich mir die HundehalterInnen der neuen Zeit.

Mit diesen Gedanken zum zu Ende gehenden Oktober wünsche ich Ihnen und Ihrem Hund eine innige Beziehung und einen wunderschönen Herbst.

 

Herzlichst

Ihre

Karin Immler

 

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