Hunde sind super! Sie sind aufgeweckt, clever und lernen bemerkenswert schnell. Und trotzdem genügen sie unseren Ansprüchen oft nicht. „Das muss der Hund doch können!“ höre ich. Und „warum kann der das nicht?“. Ich finde das ganz und gar ungerecht aber  manchmal amüsiert es mich auch, was wir Menschen so an Erwartungen an unsere Hunde haben. Dabei ist es doch in Wahrheit so, dass fast alles, was wir von einem braven Hund erwarten, aus seiner Sicht völlig unlogisch ist.

Da zieht so ein süßer kleiner Wicht ein und alle sind ganz hin und weg, weil er so ein herziges Baby ist.  Mit den (völlig überzogenen) Erwartungen geht es trotzdem gleich schon los. Warum pinkelt der Hund auf den Teppich, warum weiß er nicht, dass man die Katze in Ruhe lassen muss und Hosenbeine nicht zum Reinbeissen da sind?

„Gib deinen Freunden Klarheit; es ist nur fair!“ Dorothee Friehl

Wer würde von einem Menschenbaby erwarten, dass es innerhalb von kurzer Zeit schreiben kann? Da wird selbstredend ein bestimmter Zeitraum einkalkuliert, weil eh klar ist, dass das einfach noch nicht funktionieren kann.

Der herzige Welpe dagegen soll schnellstens kapieren:

  • Platz! Heißt Bauch auf Boden – und so lassen
  • Schuhe darf man nicht zerkauen, bunte Baumwollquasteln dagegen schon
  • Der Teddybär gehört dem Kind, das braune Stofftier auch, das graue Stofftier darf man ins Maul nehmen und alle finden das nett
  • Den blauen Ball soll man holen, den roten auf gar keinen Fall („der gehört dir nicht!“)
  • Auf dem Hygienepad darf es rinnen, auf der Sonntagszeitung nicht
  • An der Leine wird nicht gezogen – außer an der Flexileine, da gehört das Ziehen dazu

(Liste beliebig erweiterbar)

Auch wenn ein erwachsener Hund (aus dem Tierschutz) einzieht, wird viel vorausgesetzt. Sehr spannend finde ich zum Beispiel die Erwartungen der frischgebackenen HundehalterInnen an die Sprachkenntnisse ihres neuen Gefährten. Es scheint selbstverständlich zu sein, dass Kyra, Amy und Blue nicht nur die Sprache ihres Herkunftslandes verstehen, rumänisch, griechisch oder spanisch zum Beispiel, sondern gleich auch noch Deutsch. Abgesehen davon, dass man dabei von einem Sprachverständnis ausgeht, das Hunde nicht haben. (Interessanterweise sind es vielfach VertreterInnen der „Hunde-darf-man-nicht-vermenschlichen-Fraktion“, die ihren Hunde ein derartig ausgeprägtes Sprachverständnis unterstellen.)

Bei näherer Betrachtung ist ein Großteil der Anforderungen, die wir an unsere Hunde stellen, aus Hundesicht weder einleuchtend noch naheliegend.

  • Warum ist die lockere Leine „normal“, wenn ich doch tagtäglich an gespannter Leine um den Block ziehe?
  • Warum soll ich geradeaus neben meinem Menschen gehen, wenn es dort drüben so spannend riecht?
  • Warum soll ich jetzt liegen bleiben, wenn doch da drüben mein Kumpel kommt?

In unserer Menschenwelt gibt es viele Regeln für Hunde. Unverständliche Menschenregeln in einer unverständlichen Menschenwelt! Umso wichtiger ist es, dem Hund die Chance zu geben, diese Regeln zu verstehen.

Wir nehmen uns einen Hund ins Leben und haben ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie unser gemeinsames Zusammensein aussehen soll. Oft sind es romantische Bilder, die wir vor Augen haben. Wir stellen uns vor, dass unser Hund unser bester Kumpel sein wird, der uns wortlos versteht, spürt, wenn es uns schlecht geht, uns tröstet, wenn Bedarf besteht und uns beschützt, wenn wir in Gefahr sind.  Wenig denken wir darüber nach, dass ein gutes Team zu sein, keine Einbahnstraße ist, ganz im Gegenteil. Gute Kumpels geben aufeinander acht – gegenseitig. Da weiß einer vom anderen, wie er sich fühlt, was er gerne mag, worauf er empfindlich reagiert, worin er gut ist – und worin nicht. Spätestens an der Stelle fällt ein gewisses Ungleichgewicht auf.

Trösten Sie Ihren Hund, wenn er gescheitert ist?
Beschützen Sie ihn, wenn er in Gefahr ist?

Oder erzählen Sie ihm, dass er da jetzt durchmuss und sich nicht so anstellen soll?

Wir erwarten einen folgsamen Hund, einen, der aufs Wort gehorcht, die Nachbarskinder nicht anspringt, den Briefträger nicht verbellt und die Katze von Frau Hartwig in Ruhe lässt. Woher der Hund wissen soll, dass Briefträger und Zeitungsboten nicht verbellt werden dürfen, Hausierer und Einbrecher schon, darüber denken wir nicht nach. Der Hund wird freudig angefeuert, wenn er den blauen Ball holt, will er den schwarz-weißen nehmen, gibt es Ärger. Ziemlich verwirrend, finden Sie nicht?

„Fairness hat auch damit zu tun, angemessene Erwartungen an den Hund zu haben“ Karin Immler

Entspricht der Hund unseren – doch ziemlich hohen – Erwartungen nicht, wird es schwierig. Erst heute hat jemand mir geschrieben, „wenn der Hund sich nicht anfassen lässt, muss er weg“.  Dass der Hund bei der Vermittlung als äußerst ängstlich beschrieben wurde und man sich geduldige Menschen für ihn wünschte, brauchte man ja nicht ernst nehmen. Schließlich hat er so lieb geschaut.

Kommissar Rex

Das Fernsehen spielt eine große Rolle, wie wir uns Hunde bzw. das Leben mit Hund vorstellen. Angefangen von der Mutter aller Filmhunde, Lassie, der Heldin vieler Kinderträume. Die gute Lassie war allerdings in Wirklichkeit ein Rüde namens Pal. Oder Toto, Judy Garlands Begleiter im Zauberer von Oz. Toto hieß eigentlich Terry und war im echten Leben eine Hündin. Die Besitzer hatten angeblich die Freude an dem Hund verloren, weil er nicht (schnell genug) stubenrein wurde und so landete die Hündin bei einem Filmtiertrainer und wurde ein berühmter Filmheld.

Als „Kommissar Rex“ im Fernsehen lief, gab es reihenweise enttäuschte BesitzerInnen junger Schäferhunde. Diese waren nämlich NICHT von Natur aus folgsam, warteten NICHT brav vor der Kindergartentüre und verstanden auch NICHT jedes einzelne Wort. Von den diversen Kunststückchen ganz abgesehen. Filmtiertraining ist viel Arbeit, es stecken viele Stunden Training hinter einer Szene, bis sie so einfach und spielerisch aussieht.  Außerdem waren es meines Wissens 6 Schäferhunde, die für diese Rolle herhalten mussten – und nicht ein einzelner Superhund, der alles konnte.

Menschen machen sich nicht immer ausreichend Gedanken, bevor sie einen Hund zu sich nehmen. Viele Hunde, die mir vorgestellt werden, sind „ganz normal“ und in keiner Weise problematisch – wenn man ihre Rasse bzw. den Typus mit bedenkt. Die Probleme entstehen erst dadurch, dass das, was diese Hunde von ihrer Genetik her mitbringen, nicht zum Leben und den Erwartungen ihrer HalterInnen passt. Allzu oft ist es vor allem die Optik, die ausschlaggebend für die Wahl des Hundes ist – im Alltag spielen dann ganz andere Dinge eine Rolle.

Bleiben Sie fair

Ärgern Sie sich manchmal, weil Ihr Hund etwas nicht macht, was er soll, oder etwas macht, was er nicht soll? Haben Sie sich in diesem Zusammenhang schon einmal gefragt, ob Ihre Erwartungen angemessen sind? Kann Ihr Hund das, was Sie von ihm erwarten überhaupt erbringen? Hatte er ausreichend Gelegenheit, es zu lernen und zu üben? Ist er überhaupt dazu in der Lage? Oder spucken Ihnen beiden Genetik, Epigenetik, Erfahrungen und  Tagesverfassung in die Suppe?

Wie fair sind Sie Ihrem Hund gegenüber?

Erwartungen zu haben, die Ihr Hund nicht erfüllen kann, ist unfair. Verhalten vorauszusetzen, das der Hund nicht erbringen kann, weil er es (noch) gar nicht gelernt hat, ist unfair. Den Hund anzuschnautzen, weil Sie ihn überfordert haben, ist unfair.

Bleiben Sie fair und seien Sie Ihrem Hund ein guter Kumpel!

Ich wünsche Ihnen ein feines, faires und fröhliches Miteinander.

Ihre
Karin Immler