„Darf denn dein Hund nicht ohne Leine laufen?“ Ein mitleidiger Blick trifft meine Bordercollie-Hündin Tara, die an einer 3-m-Leine neben mir her bummelt. Der vorwurfsvolle Unterton ist nicht zu überhören.

 

Die Grenzen der Freiheit

Ich bin – nebenbei bemerkt – in der beneidenswerten Situation, dass es in meiner Umgebung viele Möglichkeiten für leinenlosen Auslauf gibt, den Tara auch reichlich genießen darf. Es gibt allerdings eine ganze Reihe von Gründen, (m)einen Hund an die Leine zu nehmen.

„Gewalt endet dort, wo Respekt beginnt.“ unbekannt

In dem Moment, in dem mir diese Frage gestellt wurde, befanden wir uns an einer unübersichtlichen Wegstrecke mit vielen Kurven. Ich weiß aus Erfahrung, dass hier SpaziergängerInnen – auch mit Kindern und Hunden – unterwegs sind und gelegentlich sogar Mountainbiker, die man aufgrund der Kurven erst im letzten Moment wahrnimmt. Damit es zu keinen unliebsamen Zwischenfällen kommt, ist hier für mich „Leinenpflicht“. Auch der Fragesteller hatte seinen Hund dabei – allerdings habe ich keine Ahnung, wo dieser sich zu dem Zeitpunkt befand. Sehen konnten wir ihn jedenfalls nicht.

Management per Leine

Und das ist genau der Punkt: dort wo es unübersichtlich wird, sollten Sie Ihren Hund entweder rechtzeitig zu sich rufen und ihn dann auch bei sich behalten. Oder aber Sie leinen ihn an – vielleicht sind es ja ohnehin nur ein paar Meter und sobald es wieder übersichtlich wird, kann er erneut freilaufen.

 

An die Leine gehört Ihr Hund auch dann, wenn es irgendwie gefährlich werden könnte. Zum Beispiel, wenn Sie an einer stark befahrenen Straße entlang gehen. Selbst wenn Ihr Hund ausgesprochen brav ist, eine perfekte Freifolge hat und aufs Wort folgt, sind Sie nicht davor gefeit, dass er sich erschreckt und plötzlich einen Satz macht – womöglich in Richtung Straße. Die Grenzen der Freiheit sind hier ein Gebot der Sicherheit.

 

„Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt“ Immanuel Kant

Wenn Ihr Hund Katzen zum Fressen gerne hat, dann nehmen Sie ihn bitte an die Leine, bevor Sie jenes Haus erreichen, vor dem immer die Katzen dösen. So vermeiden Sie, dass es zu einem für alle Beteiligten riskanten Zwischenfall mit Gebell, Jagen, Fauchen und sonstigen Ärgernissen kommt. Dasselbe gilt auch für den Garten mit den Hühnern oder Hasen und für die Schafweide mit den Lämmchen. Es mag ja sein, dass Ihr Hund sich ganz gelassen und entspannt nähert, aber Sie können nicht wissen, wie die Hasen oder die Lämmchen darauf reagieren.

 

Sicherheit geht vor

Gefährlich soll es niemals werden.

Nicht für Sie, nicht für Ihren Hund und auch nicht für die sogenannten Dritten – Mensch oder Tier. In der Brut- und Setzzeit heißt es für Hunde „an die Leine“, damit die Jungtiere in Wald und Wiese unbehelligt bleiben. Denn selbst wenn Ihr Hund „nichts tut“, kann das Erschrecken durch einen freilaufenden Hund dramatische Folgen für Klopfer oder Bambi haben.

 

Wenn Sie damit rechnen müssen, dass Sie anderen Menschen begegnen, womöglich mit Kindern, sollten Sie Ihren Hund ebenfalls an der Leine oder unmittelbar neben sich führen. Die Entgegenkommenden könnten Angst vor Hunden haben, dann ist es einfach ein Gebot der Höflichkeit, den Hund auf Abstand zu halten. Zudem machen Menschen, gerade wenn sie Angst haben, vielleicht ganz dumme, womöglich gefährliche Sachen, die Ihren Hund ängstigen und zu Handlungen veranlassen könnten, die wiederum die fremden Menschen in Besorgnis versetzen. Umsicht und Rücksichtnahme bestimmen die Grenzen der Freiheit.

 

Gehören Sie zu den Menschen, die beim Spaziergang gerne telefonieren oder Podcasts hören, dann sollten Sie ebenfalls die Verwendung einer (langen) Leine in Betracht ziehen. Denn Ihre Aufmerksamkeit ist in diesem Fall zumindest geteilt, wenn nicht überhaupt mehr bei Telefonat oder Hörbuch als bei Ihrem Hund. Auch wenn Sie mit der Freundin unterwegs sind und vieles zu erzählen haben, sind Sie vermutlich abgelenkt und passen nicht die ganze Zeit auf Ihren Hund auf.

Die Verantwortung bleibt bei Ihnen

Es ist Teil verantwortungsbewusster Führung, dass Sie Ihren Hund unter Kontrolle haben, auch wenn er nicht an der Leine ist. Wenn Ihr Hund sich außer Sichtweise begibt, sind immer noch Sie verantwortlich, auch wenn Sie gar nicht wissen, wo er gerade ist und was er da so treibt. Erschreckt, ängstigt oder belästigt er jemanden, bedrängt er einen angeleinten Hund, jagt er einen Hasen oder eine Katze – Sie haben die Aufsichtspflicht.

 

Respekt vor fremdem Eigentum

Die wenigsten Menschen haben Freude damit, im eigenen Vorgarten die Tulpenzwiebeln feinsäuberlich ausgegraben oder womöglich Hundstrümmerl vorzufinden. Natürlich weiß ich, dass Sie Ihren Hund niemals dazu ermuntern würden, dergleichen zu tun. Aber wenn er zu weit weg von Ihnen ist, dann bekommen Sie womöglich gar nicht mit, was er so treibt.

Stehen die Futterwiesen hoch, haben LandwirtInnen kein Verständnis dafür, dass Hunde dort laufen. Zugegeben, die meisten haben auch sonst keine Freude, aber das ist auch ihr gutes Recht. Schließlich ist es ja auch ihr Grund und Boden.

 

Hunde in der Stadt

Besonders im innerstädtischen Bereich, bei Festen, Versammlungen und dergleichen nehmen Sie Ihren Hund bitte an die Leine. Auch wenn Sie sicher sind, dass er bei Ihnen bleibt, niemanden belästigt oder gar in Gefahr bringt, ist das einfach eine Frage der Höflichkeit und des Respekts und Teil verantwortungsvoller Hundehaltung. Viele Menschen fühlen sich in Gegenwart eines freilaufenden Hundes unbehaglich. Abgesehen von der gesetzlichen Leinenpflicht gibt es auch eine moralische. Und die wird immer dann aktuell, wenn es um die Befindlichkeiten anderer Menschen geht.

„Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet.“ unbekannt

Niemand unterstellt Ihnen, dass Ihr Hund unerzogen oder bösartig ist, aber es sind nun mal nicht alle Menschen HundefreundInnen. Und selbst als Hundefreundin mag ich es nicht, von fremden Hunden bedrängt zu werden, schon gar nicht, wenn ich mit meinen eigenen – angeleinten – Hunden unterwegs bin.

 

Hundehaltung in der Öffentlichkeit

Hundehaltung wird von der Öffentlichkeit zunehmend kritisch beäugt. Unhöflichkeit und Rücksichtslosigkeit von HundehalterInnen wird immer deutlicher kritisiert und liefert all jenen Argumente, die restriktive Gesetze und Verordnungen fordern. Wir sollten uns auch aus diesem Grund gut überlegen, wo unsere Hunde ohne Leine laufen dürfen.

 

Bitte fallen Sie jetzt nicht über mich her, weil Hunde „auch mal laufen müssen“. Ja natürlich müssen sie das und sollen sie auch. Aber mit Verstand! Wenn es die Örtlichkeit erlaubt, wenn der Erziehungsstand des Hundes entsprechend ist und wenn Ihre Aufmerksamkeit tatsächlich bei Ihrem Hund ist.

 

Apropos Freiheit: ich habe den Eindruck, dass so mancher Hund an der Leine mehr Freiheiten hat, als im Freilauf. Denn oft fehlt den HundehalterInnen dann doch das Vertrauen in ihren Hund, sodass sie ständig rufen oder pfeifen, damit Fifi ja nicht vergisst, dass er Herrchen oder Frauchen dabeihat. In so einem Fall wäre vermutlich ein Ausgang an einer langen Leine (Schleppleine) für beide Seiten entspannender.

 

Ich wünsche Ihnen viel fröhliches Wedeln in Ihrem Leben und freue mich über Kommentare und Anregungen.

 

Ihre

Karin Immler

 

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