Gewalt ist mir zu anstrengend –

warum Härte im Hundetraining mehr kostet, als sie bringt

Es gibt viele Gründe, sich für einen Hund zu entscheiden: Nähe, Freude, Spielgefährte, der Wunsch nach einem Kumpel im Alltag, Motivation zu Spaziergängen und einem gesünderen Lebensstil und vieles mehr.
Was die wenigsten motiviert, ist: „Ich möchte gerne täglich einen Machtkampf austragen.“

Und doch scheint manche Mensch-Hund-Beziehungen genau das auszumachen: ein ständiges Ringen um Macht und Vorherrschaft.

Und das in einer Welt, in der die Waffen äußerst ungleich verteilt sind. Wir entscheiden ohnehin fast alles im Leben unserer Hunde, wann sie essen, wann sie schlafen, wie sie ihre Zeit verbringen  – selbst, wann sie aufs Klo gehen dürfen. Und trotzdem wird uns eingeredet, dass die Gefahr besteht, wir hätten „nichts mehr zu melden“, wenn der Hund vor uns durch die Tür geht.

Was es nicht alles an Skurrilitäten gibt, um den Hund daran zu hindern, den Autoschlüssel und die Weltherrschaft zu übernehmen:

😜 Unbedingt etwas essen, bevor der Hund frisst!
😜 Keine erhöhten Liegeplätze!
😜 Immer vor dem Hund durch Türen gehen – der Dauerbrenner!
(Ich frage mich bis heute, wie man das beim Einsteigen ins Auto lösen soll.)
😜 Und die Krönung: über jene Stelle pinkeln, an der der Hund gepinkelt hat.
(Können Sie sich meinen Gesichtsausdruck vorstellen, als mir diese Regel zum ersten Mal untergekommen ist?)

So ein Trara! Was für ein Aufwand! All das wäre mir schlicht zu anstrengend.

Die Vorstellung, ständig als Erste durch Türen marschieren zu müssen, weil sonst sofort eine „Machtübernahme“ droht, erschöpft mich schon beim bloßen Gedanken – mal ganz abgesehen davon, dass es einfach unpraktisch ist. Ebenso absurd ist die Idee, den Hund bei jeder Gelegenheit von seinem Liegeplatz zu vertreiben, damit sich „kein Dominanzproblem entwickelt“. Wenn das so stimmt, dann verwaltet hier Amadeus, mein alter Kater, mein Taschengeld 😻.

Der Preis der Härte – wenn Dominanz ein Vollzeitjob ist

Wenn mein Hund ständig hinter mir geht, macht mich das nervös, ich finde es furchtbar unübersichtlich.
Und die Energie, die es kostet, ständig mit „energischer“ Stimme zu sprechen, spare ich mir gerne für etwas Sinnvolleres auf.

Keinesfalls möchte ich meinem Hund ein Knie in die Brust rammen oder auf seine Pfoten treten, damit er etwas lernt. Echt jetzt?

Und überhaupt: Was soll er daraus lernen, dass ich ihm wehtue? Dass ich ein tolles Frauchen bin? Dass er mir vertrauen kann? Dass er bei mir sicher ist?

Gewalt ist nicht nur falsch. Gewalt ist außerdem anstrengend.

Der Preis der Härte

Wer glaubt, Gewalt sei der „leichtere“ Weg, hat vermutlich noch nie versucht, konsequent (pseudo-)autoritär zu sein. Den ganzen Tag auf der Hut zu sein, weil der „fiese Köter“ angeblich die Weltherrschaft und den Autoschlüssel übernehmen will, ist ein mühseliger Fulltime-Job. Nein danke – allein der körperliche Aufwand! Mein Hund wiegt etwa 25 Kilo.

Härte verlangt ständige Aufmerksamkeit:

✖️ Ich muss wachsam sein (permanent!), damit der Hund mich nicht „dominiert“.
✖️ Ich muss jeden Schritt lautstark kommentieren
✖️ oder „nachdrücklich“ korrigieren.
✖️ Ich darf niemals nachgeben – nicht einmal, wenn ich müde bin oder es völlig belanglos wäre.
✖️ Ich muss ständig Grenzen setzen, selbst wenn kein Anlass besteht.
✖️ Ich muss laut sein, drohen, maßregeln, strafen.

Das ist nicht nur kraftraubend – es ist ein Vollzeitjob. Und noch dazu kein schöner.

„Eine Autorität, die kein rechtes Vorbild ist, wirkt geradezu demoralisierden, um so demoralisierender, je salbungsvoller sie sich gibt.“ Peter Rosegger

Und es hat auch nichts mit echter Autorität zu tun.

Wikipedia definiert Autorität u.a. so:

„…die Fähigkeit, Gehorsam oder Gefolgschaft zu erhalten, ohne Zwang auszuüben.“

Es geht auch anders: leicht, freundlich, wirksam

Haben Sie sich schon einmal gefragt, was für Sie selbst Autorität bedeutet?

Wie lautet Ihr Verständnis von Autorität? Kommen darin Lautstärke oder Grobheit vor? Eher wohl nicht. Vermutlich verbinden Sie mit einer echten Autorität eher Begriffe wie: Vorbild, Kompetenz, Verantwortung, Überzeugungskraft, Integrität.

Gutes Hundetraining braucht echte, ehrliche Autorität, aber weder Lautstärke noch Einschüchterung. Es kommt ohne Übergriffigkeit und Drohgebärden aus, ohne ständige Machtdemonstrationen und vor allem ohne permanente Kämpfe um Sofakissen oder Türschwellen.

Gutes Hundetraining arbeitet mit Klarheit, Fairness, Verständlichkeit und Kooperation.
Und es spart – ganz nebenbei – Nerven, Energie und Zeit. Es basiert auf Wohlwollen und dem Wunsch, eine Verbesserung für beide Seiten zu erzielen.

Gewalt macht alles komplizierter

Warum Gewalt Lernen verhindert und Beziehungen zerstört

Aus verhaltensbiologischer Sicht ist Gewalt ineffizient. Ein Hund, der bedroht, angeschrien oder körperlich gemaßregelt wird, lernt nicht besser oder schneller – im Gegenteil:

  • Stress blockiert Lernprozesse
  • Angst verhindert sinnvolle Verknüpfungen
  • Strafe erzeugt Unsicherheit, Vermeidung oder Aggression
  • Gewalt zerstört Motivation und Vertrauen
  • Gewalt ist keine gute Basis für Beziehungen

Es braucht mehr Trainingsaufwand, um die Nebenwirkungen der Strafe zu reparieren, als durch das vermeintlich schnelle Eingreifen eingespart wird.

Gewalt ist mir zu anstrengend
Auf Pinterest merken!

Damit Strafe überhaupt wirkt, muss sie punktgenau sein. Wer aber derartig präzise im Timing ist, würde mit positiver Verstärkung in Windeseile beachtliche Erfolge erzielen – und das ganz ohne Kollateralschäden.

Oder kurz:
Wer Gewalt anwendet, erschwert jede Situation.
Wer freundlich arbeitet, erleichtert sie.

In einem anderen Artikel habe ich die Wirkungen von Strafe zusammengefasst. Ersetzen Sie das Wort „Strafe“ durch „Einschüchterung“, „Grobheit“ oder „Schmerz“:

🔶 Strafe erklärt Ihrem Hund nicht, was er tun soll.
🔶 Strafe erzeugt Stress bei Ihrem Hund, Stress hemmt seine Lernfähigkeit.
🔶 Strafe erzeugt Angst oder zumindest Unsicherheit bei Ihrem Hund, beides hemmt seine  Lernfähigkeit.
🔶 Strafe zieht nicht nach sich, dass Ihr Hund sich richtig verhält, sondern nur, dass er sich gar nicht verhält =  Meideverhalten.
🔶 Strafe stört das Vertrauen, dass Ihr Hund zur strafenden Person  = zu Ihnen hat
🔶 Strafe schwächt die Bindung zwischen Ihnen und Ihrem Hund

Ich wiederhole mich vielleicht – aber nur, weil die Grundlage immer dieselbe bleibt:
Wir holen einen Hund in unser Leben, weil wir es bereichern wollen. Wie passt es dazu, ihn durch Grobheit und Brutalität „erziehen“ zu wollen?

Ich wünsche mir an meiner Seite einen fröhlichen, aufgeweckten und neugierigen Gefährten – keinen eingeschüchterten Hund, der ständig in Sorge ist, ob Gefahr von mir ausgehen könnte.

Der aktuelle Anlass: Wenn Gewalt öffentlich empfohlen wird

„Wie genau soll eine Beziehung durch Gewalt profitieren?“ Karin Immler

Dieser Text erscheint im Rahmen der VÖHT-Blogparade „Warum Leckerchen nicht alles sind“. In diesen Tagen geht ein verständlicher Aufschrei durch die deutschsprachige Hundeszene. Ein selbsternannter Fachmann empfiehlt öffentlich, Hunde zu treten und zu schlagen – und erklärt sogar, wie man das auszuführen habe. Was mir dazu durch den Kopf geht, lasse ich aus Gründen der Höflichkeit (und der juristischen Konsequenzen) unerwähnt.

Hier geht es nicht um Meinungen und hier geht es nicht um „verschiedene Trainingsstile“.

Hier geht es um eine Vorgangsweise, die fachlich falsch, tierschutzrelevant, unmoralisch – und gefährlich ist.

Wer Gewalt empfiehlt, bringt Menschen dazu:

  • unvorhersehbare Schäden zu verursachen,
  • den Hund zu verunsichern oder zu traumatisieren,
  • Vertrauen zu zerstören,
  • Probleme zu verstärken, statt zu lösen,
  • Situationen eskalieren zu lassen
  • und schlussendlich auch, sich gegen das Gesetz zu verhalten.

Solche Ratschläge negieren völlig, was moderne Lerntheorie seit Jahrzehnten zeigt:
Gewalt ist nicht nur unethisch – sie ist ineffizient.

Und sie zerstört das, was wir eigentlich möchten: Eine Beziehung, die trägt, bereichert, erfüllt.

Glauben Sie mir : Es geht auch anders, leicht, freundlich, wirksam

Gewalt ist mühsam – Beziehung ist tragfähig

Gutes Hundetraining braucht keine laute Stimme, keine körperlichen Attacken und keine Gewaltfantasien.

Gutes Hundetraining basiert auf

  • Wohlwollen
  • Klarheit
  • verständlichen Signale
  • ein bisschen Wissen über Lernen
  • Empathie
  • Vertrauen
  • und Beziehung

Das ist weder „weich“ noch naiv – es ist fachlich sauber und in der Praxis effizient und wirksam. Es ist alltagstauglich: Selbst nach einem langen Arbeitstag kann ich mit einem Hund, der mir vertraut, in Ruhe leben. Mit einem Hund, der ständig mit Gewalt (von meiner Seite) rechnen muss, wird das nicht gehen. Ich möchte mich in Gegenwart meines Hundes entspannen und nicht ständig auf der Hut sein, dass er mir – irgendwie – irgendwann – böswillig meine Vormachtstellung (und den Autoschlüssel) klaut und mir die Rolle als Familienoberhaupt streitig macht.

🧡 Ich möchte mit meinem Hund lachen und herumalbern.

🧡 Ich möchte mich mit meinem Hund wohlfühlen.

🧡 Ich möchte es mit meinem Hund guthaben

🧡 und ich möchte, dass mein Hund es mit mir guthat.

Zum Schluss: Gewalt ist vor allem eines – mühsam

Man kann einen Hund bedrohen, erschrecken, herumkommandieren, drangsalieren und andauernd auf Konfrontation gehen. Aber am Ende kostet das mehr Kraft, als es bringt – auch Ihre Kraft.

Glauben Sie mir:

Training darf leicht sein.
Zusammenleben darf leicht sein.
Erziehung darf leicht sein.

Ich arbeite nicht gewaltfrei, weil ich „weich“ bin, sondern weil ich pragmatisch denke und nachhaltige Ergebnisse möchte – mit so wenig Aufwand wie möglich.

Gewalt ist anstrengend – Freundlichkeit ist nachhaltig.
Gewalt provoziert Gegenwehr – Freundlichkeit erzeugt Kooperation.
Gewalt verursacht Schmerzen – Freundlichkeit schafft Gemeinsamkeit.

Und ein Hund, der mit mir arbeitet, statt gegen mich, macht das Leben nicht schwerer –
sondern schöner.

Ich wünsche Ihnen, dass Ihr Hund Ihnen guttut und Sie ihm, dass Sie Freude miteinander und aneinander haben und dass Sie sich gegenseitig vertrauen.
Eure und Ihre

Karin Immler

STUDIEN ZUM THEMA:

Vieira de Castro et al. (2020) Studie zu Stress, Cortisol und „cognitive bias“ bei strafbasiert trainierten Hunden. 
APA-Zitierung: Vieira de Castro, A. C., Barrett, J., de Sousa, L., & Olsson, I. A. S. (2020). Does training method matter? Evidence for the negative impact of aversive-based methods on companion dog welfare. PLOS ONE, 15(6), e0225023. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0225023
Kernaussage: Aversiv trainierte Hunde zeigen mehr Stresssignale, höhere Cortisolwerte und entwickeln häufiger einen pessimistischen Erwartungsstil – ein Hinweis auf reduziertes Wohlbefinden.

Ziv (2017) Umfassende Übersichtsarbeit zu wissenschaftlichen Befunden über aversive Methoden.
APA-Zitierung: Ziv, G. (2017). The effects of using aversive training methods in dogs—A review. Journal of Veterinary Behavior, 19, 50–60. https://doi.org/10.1016/j.jveb.2017.02.004
Kernaussage: Aversive Methoden erhöhen das Risiko von Angst, Stress und Aggression, ohne nachweisbare Vorteile gegenüber belohnungsbasiertem Training zu zeigen.

Cooper et al. (2014) Vergleichsstudie zu Schockhalsbändern vs. alternativen Methoden.
APA-Zitierung: Cooper, J. J., Cracknell, N., Hardiman, J., Wright, H., & Mills, D. (2014). The welfare consequences and efficacy of training pet dogs with remote electronic training collars in comparison to reward‐based training. Journal of Veterinary Behavior, 9(5), 207–214. https://doi.org/10.1016/j.jveb.2014.04.003
Kernaussage: Schockhalsbänder führen zu mehr Stress, Verunsicherung und Fehlverhalten, während belohnungsbasiertes Training effektiver und tierschonender ist.

Hiby et al. (2004) – Trainingserfolg, Hiby, E. F., Rooney, N. J., & Bradshaw, J. W. S. (2004). Dog training methods: their use, effectiveness and interaction with behaviour and welfare. Animal Welfare, 13, 63–69.
Kernaussage: Belohnungsbasiertes Training ist mit höherer Gehorsamkeit und weniger Problemverhalten verbunden als strafbasiertes Training.

Schalke et al. (2007) – physiologische Effekte von Bestrafung, Schalke, E., Stichnoth, J., Ott, S., & Jones-Baade, R. (2007). Clinical signs caused by the use of electric training collars on dogs in everyday life situations. Applied Animal Behaviour Science, 105(4), 369–380.
(Klassische Studie über Stress und Schmerzen durch E-Halsbänder.)

Zum Newsletter anmelden und keinen Blogartikel mehr versäumen!