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Von der Liebe berührt,

wird jeder zum Dichter.

 

Plato

 

 

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Gänsezug

Die erste Gans im Gänsezug,
Sie schnattert: »Seht, ich führe!«
Die letzte Gans im Gänsezug,
Sie schnattert: Seht, ich leite!«
 
Und jede Gans im Gänsezug,
Sie denkt: »- Dass ich mich breite
So selbstbewusst, das kommt daher,
Weil ich, ein unumschränkter Herr,
Denn Weg mir wähl nach eignem Sinn,
All meiner Schritte Schreiter bin
Und meine Freiheit spüre!

 

Marie von Ebner-Eschenbach

 

Der Vogel auf dem Leim

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,
Er flattert sehr und kann nicht heim.
Ein schwarzer Kater schleicht herzu,
Die Krallen scharf, die Augen gluh.  
Am Baum hinauf und immer höher
Kommt er dem armen Vogel näher.

Der Vogel denkt: Weil das so ist
Und weil mich doch der Kater frisst,
So will ich keine Zeit verlieren, 
Will noch ein wenig

quinquilieren
Und

lustig pfeifen wie zuvor.
Der Vogel, scheint mir, hat Humor

 

Wilhelm Busch

 

Schwarze Katze

Ein Gespenst ist noch wie eine Stelle,

dran dein Blick mit einem Klange stößt;

aber da, an diesem schwarzen Felle

wird dein stärkstes Schauen aufgelöst:

 

wie ein Tobender, wenn er in vollster

Raserei ins Schwarze stampft,

jählings am benehmenden Gepolster

einer Zelle aufhört und verdampft.

 

Alle Blicke, die sie jemals trafen,

scheint sie also an sich zu verhehlen,

um darüber drohend und verdrossen

zuzuschauern und damit zu schlafen. 

Doch auf einmal kehrt sie, wie geweckt,

ihr Gesicht und mitten in das deine:

und da triffst du deinen Blick im geelen

Amber ihrer runden Augensteine

unerwartet wieder: eingeschlossen

wie ein ausgestorbenes Insekt. 

Rainer Maria Rilke

 

Das Einhorn

Der Heilige hob das Haupt, und das Gebet 
fiel wie ein Helm zurück von seinem Haupte:
denn lautlos nahte sich das nie geglaubte,
das weiße Tier, das wie eine geraubte
‚hülflose Hindin‘ mit den Augen fleht.

Der Beine elfenbeinernes Gestell
bewegte sich in leichten Gleichgewichten,
ein weißer Glanz glitt selig durch das Fell,
und auf der Tierstirn, auf der stillen, lichten,
stand wie ein Turm im Mond, das Horn so hell,
und jeder Schritt geschah, es aufzurichten.

Das Maul mit seinem rosagrauen Flaum
war leicht gerafft, so dass ein wenig Weiß
(weißer als alles) von den Zähnen glänzte;
die Nüstern nahmen auf und lechzten leis.
Doch seine Blicke, die kein Ding begrenzte,
warfen sich Bilder in den Raum
und schlossen einen blauen Sagenkreis.

Rainer Maria Rilke

 

Das Fischlein

Ein Fischlein steht am kühlen Grund,
Durchsichtig fließen die Wogen,
Und senkrecht ob ihm hat sein Rund
Ein schwebender Falk gezogen.

Der ist so lerchenklein zu sehn
Zuhöchst im Himmelsdome;
Er sieht das Fischlein ruhig stehn,
Glänzend im tiefen Strome!

Und dieses auch hinwieder sieht
Ins Blaue durch seine Welle.
Ich glaube gar, das Sehnen zieht
Eins an des andern Stelle!

 

Gottfried Keller

Der Schmetterling 

ist in die Rose verliebt,
Umflattert sie tausendmal,
Ihn selber aber goldig zart
Umflattert der

liebende Sonnenstrahl.

 

Jedoch, in wen ist die Rose verliebt?
Das wüßt' ich gar so gern.
Ist es die singende Nachtigall?
Ist es der schweigende Abendstern?

 

Ich weiß nicht, in wen die Rose verliebt;
Ich aber lieb' euch all?:
Rose, Schmetterling,

Sonnenstrahl,
Abendstern und Nachtigall.

 

Heinrich Heine

 

Die Ameisen

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee,
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise

 

Joachim Ringelnatz

 

Der Hund

Da oben wird das Bild von einer Welt
aus Blicken immerfort erneut und gilt.
Nur manchmal, heimlich, kommt ein Ding und stellt
sich neben ihn, wenn er durch dieses Bild
sich drängt, ganz unten, anders, wie er ist;
nicht ausgestoßen und nicht eingereiht,
und wie im Zweifel seine Wirklichkeit
weggebend an das Bild, das er vergißt,
um dennoch immer wieder sein Gesicht
hineinzuhalten, fast mit einem Flehen,
beinah begreifend, nah am Einverstehen
und doch verzichtend: denn er wäre nicht.

Rainer Maria Rilke
aus: Der neuen Gedichte anderer Teil

An ein Hündlein

Gern gab ich die drei Fünfer
Dem losen Buben hin.
Er trug, ich möchte schwören,
Noch ärgeres im Sinn.

Hier wird dich Niemand quälen,
Lässt jeder dich in Ruh;
Ja, trägt wohl gar, dich streichelnd,
Dir manchen Bissen zu.

Des Nachts, im Herbst und Winter,
Legst du dich nah am Herd
In dein bequemes Körbchen,
Und schlummerst ungestört.

Elisabeth Kulmann 

 

Mopsenleben

Es sitzen Möpse gern auf Mauerecken,
die sich ins Straßenbild hinauserstrecken,
um von sotanen vorteilhaften Posten
die bunte Welt gemächlich auszukosten.
O Mensch, lieg vor dir selber auf der Lauer,
sonst bist du auch ein Mops nur auf der Mauer.

Christian Morgenstern

 

Die beiden Esel

Ein finstrer Esel sprach einmal
zu seinem ehlichen Gemahl:

"Ich bin so dumm, du bist so dumm,
wir wollen sterben gehen, kumm!"

Doch wie es kommt so öfter eben:
Die beiden blieben fröhlich leben.

Christian Morgenstern

 

Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind, und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: Bitte, beuge mich!

 

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:

 

"Der Werwolf", - sprach der gute Mann,
"des Weswolfs"- Genitiv sodann,
"dem Wemwolf" - Dativ, wie man's nennt,
"den Wenwolf" - damit hat's ein End.'

 

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
Indessen, bat er, füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!

 

Der Dorfschulmeister aber mußte
gestehn, daß er von ihr nichts wußte.
Zwar Wölfe gäb's in großer Schar,
doch "Wer" gäb's nur im Singular.

 

Der Wolf erhob sich tränenblind -
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.

 

Christian Morgenstern

 

Hund und Katze

Miezel, eine schlaue Katze,
Molly, ein begabter Hund,
Wohnhaft an demselben Platze,
Haßten sich aus Herzensgrund.

Schon der Ausdruck ihrer Mienen,
Bei gesträubter Haarfrisur,
Zeigt es deutlich: Zwischen ihnen
Ist von Liebe keine Spur.

Doch wenn Miezel in dem Baume,
Wo sie meistens hin entwich,
Friedlich dasitzt, wie im Traume,
Dann ist Molly außer sich.

Beide lebten in der Scheune,
Die gefüllt mit frischem Heu.
Alle beide hatten Kleine,
Molly zwei und Miezel drei.

Einst zur Jagd ging Miezel wieder
Auf das Feld. Da geht es bumm.
Der Herr Förster schoß sie nieder.
Ihre Lebenszeit ist um.

Oh, wie jämmerlich miauen
Die drei Kinderchen daheim.
Molly eilt, sie zu beschauen,
Und ihr Herz geht aus dem Leim.

Und sie trägt sie kurz entschlossen
Zu der eignen Lagerstatt,
Wo sie nunmehr fünf Genossen
An der Brust zu Gaste hat.

Mensch mit traurigem Gesichte,
Sprich nicht nur von Leid und Streit.
Selbst in Brehms Naturgeschichte
Findet sich Barmherzigkeit.

Wilhelm Busch 

 

Rassehund und Klassehund

 

Ein Hund, der kaum auf diese Welt,

der nicht so recht gelungen war.

Er sah nicht aus als wie bestellt,

in Körperbau und Haar.

 

Das eine Ohr hing schief herunter

und die Beinchen war’n zu krumm,

doch war das Kerlchen frech und munter

und alles andere als dumm.

 

Die Nase, die war etwas lang

und auch die Farbe war missglückt,

doch war dem Kleinen drum nicht bang,

weil so mit Fehlern er bestückt.

 

Die Mama liebt’ ihn zwar genau

mit drum und dran, mit Haut und Haar,

doch anders war`s mit Herrn und Frau,

denen er nicht geheuer war.

 

Die war’n entsetzt und sehr verdrossen

über dieses Hundekind,

das da ihrer Zucht entsprossen –

so anders als die andern sind.

 

Doch den schönen braunen Augen,

die das kleine Kerlchen hat,

muss man einfach alles glauben,

auch ohne Ahnenstammbuchblatt.

 

Er schaut so lieb und herzig drein,

so fand er einen neuen Herrn,

der konnte ihm nicht böse sein

und hat das kleine Hunderl gern.

 

Vom Standard ist er weit entfernt,

doch „geh bei Fuß“ und „platz“, „bleib liegen“,

das hat er beinah’ schon gelernt                                                 

und „bringen“ tut er fleißig üben

 

Er ist beim Lernen g’rad so weit

und’s macht ihm ebensolchen Spaß,

wie den Kollegen schön und g’scheit,

die stolz sind auf den Ahnenpass.

 

Und die Moral von der Geschicht’

für Hunde ohne Show und Schau,

zwar haben sie kein Rasseg’sicht“

doch sind sie oft besonders schlau.

 

Karin Immler

 

Der Esel

Es stand vor eines Hauses Tor
Ein Esel mit gespitztem Ohr,
Der käute sich sein Bündel Heu
Gedankenvoll und still entzwei.

 

Nun kommen da und bleiben stehn
Der naseweisen Buben zween,
Die auch sogleich, indem sie lachen,
Verhasste Redensarten machen,
Womit man denn bezwecken wollte,
Dass sich der Esel ärgern sollte.

Doch dieser hocherfahrne Greis
Beschrieb nur einen halben Kreis,
Verhielt sich stumm und zeigte itzt
Die Seite, wo der Wedel sitzt.

 

Wilhelm Busch

 

Fuchs und Igel

Ganz unverhofft an einem Hügel
sind sich begegnet Fuchs und Igel.
»Halt!« rief der Fuchs, »du Bösewicht,
kennst du des Königs Order nicht?


Ist nicht der Friede längst verkündigt,
und weißt du nicht, dass jeder sündigt,
der immer noch gerüstet geht?
Im Namen Seiner Majestät -
geh her und übergib dein Fell!«
Der Igel sprach: »Nur nicht so schnell!
Lass dir erst deine Zähne brechen;
dann wollen wir uns weiter sprechen.«
Und alsogleich macht er sich rund,
schließt seinen dichten Stachelbund
und trotzt getrost der ganzen Welt,
bewaffnet, doch als Friedensheld.

 

Wilhelm Busch

 

Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe so müd geworden,

dass er nichts mehr hält.

Ihm ist, also ob es tausend Stäbe gäbe

und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,

der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,

in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich langsam auf -,

dann geht ein Bild hinein,

geht durch der Glieder angespannte Stille –

und hört im Herzen auf zu sein.

 

Rainer Maria Rilke

 

Heldentaten-

katzenfritz-

geschichte

Ein kleines Möpschen namens Fritz,

besaß viel Herz und Mutterwitz.

Es wollte in die große Welt,

von der man ihm so viel erzählt.

 

Er schlich sich raus vors Gartentor

und kam sich sehr verwegen vor.

Draußt’ machte er den ersten Schritt

und pirscht sich weiter – Tritt um Tritt.

 

Des Nachbars schwarze Katz’ auwei,

die kam gerade auch vorbei.

Die war beinah’ so groß wie er

- und mindestens genauso schwer.

 

Das riesengroße Katzentier

Sprang fauchend hinterm Strauch herfür,

erwischte Fritzchen noch am Ohr,

weil der beim Flüchten etwas Zeit verlor.

 

Die mörderische Katzentatzen,

die mit den Krallen, die so kratzen,

die gruben sich in Fritzens Fell

und machten doppelt ihn so schnell.

 

Zurück zum Heimat-Gartentor,

da saß er nun – Blut troff vom Ohr –

unser Fritz, der große Held,

und dachte sich, die ganze Welt,

kann mir ganz schön gestohlen bleiben,

wo solche Biester rum sich treiben.

 

Da ist es mir doch zu gefährlich,

die große Welt erscheint im letztlich höchst entbehrlich.

 

So bleibt der Fritz in seinem Garten,

die große Welt, die kann ruhig warten!

Doch seinen Enkelmöpschen wird er stolz berichten,

seine Heldentatenkatzenfritzgeschichten.

 

Karin Immler

 

Die drei Spatzen

In einem leeren Haselstrauch
da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch.
Der Erich rechts und links der Franz
und mitten drin der freche Hans.

Sie haben die Augen zu, ganz zu,
und obendrüber da schneit es, hu!
Sie rücken zusammen dicht an dicht,
so warm wie der Hans hat's niemand nicht.

Sie hör'n alle drei ihrer Herzlein Gepoch.
Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.

Christian Morgenstern

 

Die Enten

Die Enten laufen Schlittschuh
auf ihrem kleinen Teich.
Wo haben sie denn die Schlittschuh her,
sie sind doch gar nicht reich?

Wo haben sie denn die Schlittschuh her?
Woher? Vom Schlittschuhschmied!
Der hat sie ihnen geschenkt, weißt du,
für ein Entenschnatterlied.

Christian Morgenstern

 

Vergebliche Liebesmüh'

 

Ein Mensch, der hielt sich einen Köter

mit Namen „Hans“, ein echter Schwerenöter

Zwar war der Hund von ruppiger Statur,

doch dacht’ er stets an „faire l’amour“.

 

Zwei Straßen weiter wohnt indessen,

das Käthchen, welches ganz auf ihn versessen.

Lässt spielen alle ihre Kunst,

um zu gewinnen seine Gunst.

 

Beim Gassigeh’n am Zaun entlang,

ein „Wuff“ von ihr – ihm wird ganz bang.

Schon fast frivol sie wackelt mit dem Schwänzchen,

als bät’ sie keck ihn um ein Tänzchen.

 

Und das Figürchen wohlgerundet –

er scharrend Beifall schon bekundet.

Ein tiefer Blick aus dunklem Augenrund:

warm wird ihm da um’s Herz, dem Hund.

 

Doch ist die Liebesmüh’ vertan,

denn Herrchen band den Streuner an.

Und offensichtlich ist ihm wurst,

wie groß des Hänschens Liebesdurst.

 

Auch Käthchen, welche derzeit läufig,

hat Herrenbesuche daher häufig.

Weshalb man sie recht gut verwahrt,

bis rasserein sie einst verpaart.

 

Das Hänschen, welches ausgebüxt,

sofort zu seiner Liebsten flitzt.

Zu Käthchens Fenster sehnsuchtsvoll

sein liebeskrankes Werben scholl.

 

Und aus dem Fenster schmachtet Käthchen

(weitum das schönste Hundemädchen!)

und gibt dem Hänschen zu verstehen:

„Mit dir würd’ ich ins Kornfeld gehen!“

 

Doch wie gelangt er bloß zu ihr,

verschlossen scheint ihm jede Tür.

So suchte er ums ganze Haus,

er kann nicht rein, sie kommt nicht raus.

 

Ein liebeskrankes Hundepärchen,

streng bewacht von Frau- und Herrchen.

Die schwören heut’ noch jeden Eid

„Ich habe aufgepasst, die ganze Zeit!“

 

Das Käthchen durft’ nicht raus allein,

das Hänschen konnte nirgendwo hinein.

Und keiner weiß recht, wie es kam,

wann Romeo die Festung nahm.

 

Doch krabbeln auf der Hundedecke,

vier kleine Racker  - eins in jeder Ecke.

Die Kerlchen sind von ruppiger Statur –

und erbten Hänschens Frohnatur.

 

Karin Immler

 

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Charles Darwin
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